Willkommen in Sizilien
London, friday, 10 july 2022
,,Der Grund, warum wir heute hier versammelt sind, besteht darin, allen Studierenden der erfolgreichen Wirtschaftsuniversität ihren Bachelor-Abschluss auszuhändigen und sie in ihr neues Leben zu verabschieden. Heute ist euer Abschlusstag, der Tag, an dem für euch neue Türen geöffnet werden. Wir bedanken uns bei allen Beteiligten für die tollen und wunderschönen Jahre und hoffen, euch später in guten Positionen wiederzusehen. Ich werde jetzt einzeln die Namen aufrufen. Tretet bitte vor und holt eure Zertifikate ab." Wir haben eine Abschiedszeremonie im Garten der reichsten und bekanntesten Universität, die die Welt zu bieten hat. Dutzende von Studenten stecken in ihren Roben, tragen ihre Hüte und werden von Butlern bedient. Sie warten darauf, dass sie dieses Kapitel ihres Lebens abschließen können. Während wir uns vor der Bühne aufhalten, hören wir die stolzen Eltern der Studenten um uns herum weinen.
Die einzige Frau, die hier mit erhobenem Kopf und trockenen Augen am Sitzen ist, ist die Frau, für die ich heute hier stehe. Eine Frau in ihrem edlen tiefschwarzen Blazerkleid. Tüll-ähnliche Handschuhe schmücken ihre Hände. Unter ihrem großen Sonnenhut verbirgt sich ihre weißen, langen Haare, die sie fest zusammengerollt hat. Meine Augen landen in ihren. Ihre in meinen. Und gegenseitig lächeln wir uns respektvoll an.
,,In erster Linie, möchten wir den besten Studenten auf die Bühne rufen, der mit seinem Dasein vielen von euch hier eine Stütze geworden ist. Er ist ein unglaublich beliebter Junge. Sein soziales Verhalten ist außergewöhnlich und er geht immer auf andere zu, um zu helfen und zu unterstützen. Einige seiner Klassenkameraden nennen ihn "den Helfer". Keine Aufgabe ist für ihn zu groß oder zu klein, und wenn jemand Hilfe braucht, ist er derjenige, zu dem sie sich wenden. Ob es darum geht, beim Lernen oder bei persönlichen Problemen Unterstützung zu finden, er steht immer bereit, um Rat und eine helfende Hand zu bieten. Da er so positiv und freundlich ist, wird er von allen geschätzt und respektiert. Es ist schwer, mit sein Beliebtheit und Güte nicht begeistert zu sein. Und wir alle wissen hier, wen wir meinen oder?" , fragt der Direktor und bringt alle Studenten in meiner Umgebung laut zum Jubeln.
,,Gabriel!!!"
,,Gabriel!!!"
,,Gabriel!!"
Ihre Rufe erfüllen meine Mutter mit noch mehr Stolz. Sie setzt sich ihre Sonnenbrille auf, schiebt ihren dezenten Hut etwas tiefer und klatscht genauso wie die anderen hier. ,,Gabriel Esposito! Bitte kommen Sie auf die Bühne!" Dem Wunsch des Direktors komme ich nach. Ich bewege mich in meiner Robe vorwärts und steige die Stufen zu ihm hinauf. ,,Wir werden nie vergessen, wie Sie unsere Universität mit Ihren Spenden bereichert haben. Möge Gott Ihnen immer beistehen und Sie noch mehr mit Reichtum belohnen." Er überreicht mir mein eingerolltes Zertifikat. Wir schütteln uns die Hände und umarmen uns. ,,Na los, sagen Sie ein paar Worte. Ich denke, die Menge hier wird es feiern." Sein Satz lässt die Studenten sofort jubeln und lauthals meinen Namen rufen. ,,Gabriel, heirate mich!", ertönt die Stimme eines weiblichen Studenten. Ich lächele und gehe zum Pult, um in das Mikrofon sprechen zu können. Sofort werden alle still und alle Augen der glücklichen Studenten richten sich auf mich.
,,Ich danke zuerst Gott und dann meiner Mutter für jede Minute und Zeit, die ich hier verbracht habe. Wenn Sie keinen Glauben haben, wird nichts in Ihrem Leben reibungslos verlaufen. Glaubt an Güte und Freundschaft, dann werden auch die Wege unter euren Füßen mit Rosen gefüllt sein. Vergesst niemals... es ist Wut und Ungeduld, die einem Steine in den Weg legen. Wege mit Hindernissen können wir nur mit Gutmütigkeit meistern." Ich beende meine Rede und sehe zu meiner Mutter hinüber. Sie lächelt, steht auf und klatscht begeistert. Onkel Lorenzo, der sie hier nach London begleitet hat, befindet sich ebenfalls neben ihr und tauscht ernste Blicke mit mir aus. Ich verlasse die Bühne und warte mit den anderen, bis jeder aufgerufen wird. Es dauert nicht lange, und wir können gemeinsam unsere Hüte in den Himmel werfen. Mit meinem Abschluss in der Hand gehe ich zu meiner Mutter.
,,Gabriel!" Die Stimme hinter mir hält mich jedoch auf. ,,Reist du wirklich endgültig nach Sizilien ab?" Es ist Zara, für die alle auf dem Campus schwärmen. Mit ihrer hellen Haut und den blonden, mittellangen Haaren ist sie für alle die Schönheit des Campus. Für mich ist sie jedoch wie all die anderen Frauen hier, mit denen ich mich nur sexuell betätigt habe. ,,Wie wirst du nur dort zurechtkommen? Du bist doch ein Stadtkind. Kannst du nicht hier bleiben?" , fragt sie mich, und meine Augen rollen zu Onkel Lorenzo. ,,Ich bin hierher gekommen, um den Traum meiner Mutter zu erfüllen, nicht meinen eigenen," antworte ich entschlossen. ,,Gabriel!" Diesmal ruft mein Freund Isaac nach mir. Er kommt auf mich zu und hebt mich einmal hoch, um mich dann zu drehen. ,,Wenn du in Sizilien nicht zurechtkommen solltest, ruf mich sofort an, und ich werde dich von der Insel befreien." Langsam lässt er mich wieder auf den Boden und umarmt mich. ,,Statt unnötig zu feiern, schau, dass du etwas aus deinem Leben machst. Irgendwann läufst du noch mit einem Bierbauch herum." Nachdem ich ihn auf den Kopf geschlagen habe, verabschiede ich mich endgültig von ihnen. ,,Ich kann nicht glauben, dass du gehst. Unser bester Footballspieler," sagt Isaac, der sich nun die Augen reibt, da sie etwas feucht geworden sind.
,,Ich werde dich anrufen, Gabriel!", ruft Zara mir hinterher. Gleichzeitig treffe ich bei meiner Mutter ein. ,,Sie wird dich anrufen?", fragt sie mich und umarmt mich. ,,Bekomme ich etwa eine Schwiegertochter?", fügt sie hinzu. Ich schweige kurz und drücke sie noch fester an mich. Auch ihren lange ersehnten Duft nehme ich mit meinen Nasenöffnungen auf. ,,Eine Schwiegertochter aus Sizilien wäre dir doch lieber, oder?", rede ich und beende die Umarmung. Ich bin der Ehe eindeutig Tausende von Meilen entfernt. ,,Niemand weiß, wann und wo die Liebe zuschlagen wird. Plane da also nicht zu viel." Meine Mutter lächelt und geht nicht weiter darauf ein. ,,Gabriel. Die Männer haben deine Sachen in den Privatjet verstaut. Wir können zurückfliegen, wenn du bereit bist." Mein Onkel Lorenzo gesellt sich zu uns. Ich nicke und ziehe meine Robe aus, lege sie auf den Tisch. Einige Eltern der Studenten werfen einen schnellen Blick auf meine Arme, die mit Tätowierungen von Waffen und Schwerten bedeckt sind. Auch die Totenköpfe an meinen Händen ziehen ihre Blicke an. Auch der Todesengel mit seinen dunklen Flügeln auf meinem Hals stößt bei einigen Eltern auf Interesse. Ich frage mich, was sie denken würden, wenn sie meinen kompletten Körper betrachten würden.
Die Augen meiner Mutter wandern sofort zu meinem ärmellosen grünen Hemd mit den vielen Palmen und den Knöpfen, die bis zu meiner Brust offen sind. Auch meine helle, zerrissene Jeanshose wird von ihr lächelnd angesehen. ,,Wie ein Gabriel", sagt sie zufrieden und geht mit den beiden Wachen zum Wagen. ,,Hast du meinen Anzug dabei?", frage ich Onkel Lorenzo und beobachte meine Mutter, wie sie in den Wagen steigt. ,,Er ist bereit. Genau wie Sizilien", spricht er und sieht zu mir. Ich schweige und steige endgültig in den Wagen zu meiner Mutter.
Nach langer Zeit bedeutet für mich der einstündige Flug zurück in mein Heimatland Italien eine Menge. Ich sitze still neben meiner Mutter im Jet und lausche der dramatischen klassischen Musik, die uns auf dem Weg in mein neues Zuhause begleitet. Wir sind bereits auf dem Flughafen gelandet und ich befinde mich nackt im Badezimmer. Vor mir im Spiegel sehe ich mich. Der Junge mit dem Todesengel Tattoo auf dem Hals ist ein beeindruckender Anblick. Der Engel ist abgebildet mit extrem detaillierten Schattierungen und einer grimmigen Miene, als ob er bereit ist, seine Seele in dem Moment zu beanspruchen, in dem er seinen letzten Atemzug nimmt.
An den Händen des Jungen befinden sich totenköpfe und Symbole, die, obwohl klein, sehr kraftvoll und aussagekräftig sind. Der Schädel ist verziert mit einer Vielzahl von Tribal-Mustern. Die Symbole an seinen Fingern deuten darauf hin, dass er in der Lage ist, Zauber oder Flüche zu sprechen.
Der Dämonische, schwarze Flügel-Tattoo auf seinem Rücken ist ohne Zweifel seine beeindruckendste Tätowierung. Die Flügel sind riesig und sehen aufregend real aus. Der Eindruck ist, als würden sie jederzeit aus seinem Rücken herausbrechen und sein Opfer zerfleischen.
Über seinen Brüsten steht: der Teufel in mir. Die Worte sind groß und fett, in einem Schriftzug tätowiert, der vorgibt, direkt aus der Hölle zu kommen. Der Junge würde am liebsten die Kontrolle über seinen inneren Dämon behalten, um das Böse unter Kontrolle zu behalten.
Auch seine Arme sind bedeckt mit Waffen und Schwerter Tätowierungen, die wie aus Metall gemeißelt aussehen. Diese Tätowierungen spiegeln seine Verbundenheit zu Kampf und Abenteuer wider. Und sein rechter Bein bedeckt von einer schlängelnden Schlange-Tätowierung, von den Knöcheln bis zur Hüfte hoch. Die Schlange hat eine Erscheinung welche respekt einflößend ist.
Ich ziehe meinen maßgefertigten, tiefschwarzen Anzug an, sowie mein Hemd und richte meine Fliege. Mit dem Gel lege ich mein goldblondes, volles, chaotisches Haar am Ansatz zurück. Ich wische es glatt und säubere meine Hände. Dann betrachte ich meine markanten Gesichtszüge auf meiner glatten Haut im Spiegel.
,,Aber warum sind wir am Flughafen gelandet und nicht auf unserem eigentlichen Landeplatz? Und warum muss ich jetzt gehen?" , höre ich Mutter reden. ,,Weil Gabriel und ich noch ein Rind schlachten wollen. Es soll ein Willkommensgeschenk für arme Familien sein. Der Markt ist näher hier. Wir bringen auch Fleisch nach Hause", antwortet Onkel Lorenzo. Sie entfernen sich weiter, und ich höre ihre Stimmen nur noch aus der Ferne. Ich verlasse die Kabine und gehe zwischen den strengen Wachen zum Ausgangspunkt. Beim Absteigen der Treppen sehe ich, wie Onkel Lorenzo meiner Mutter hilft, in den Wagen zu steigen. Sie wird endgültig vom Flughafen weggefahren. Ich laufe zu Onkel Lorenzo, der sofort seine Schritte auf mich abstimmt, und wir bewegen uns in Richtung Flughafen.
,,Ein Rind?", frage ich und setze meine Sonnenbrille auf. ,,Mir ist keine bessere Ausrede eingefallen. Jetzt müssen wir schlachten gehen", antwortet er und öffnet die Tür vor uns. Wir gehen rein und laufen an den Fluggästen vorbei, die in der Schlange stehen und durch die Sicherheitskontrolle müssen. Der Beamte in unserer Nähe nickt seinem Kollegen zu, der vor der Tür steht und erlaubt uns einfach durchzugehen. Am Flughafen haben sich viele Männer versammelt, Männer in jeder Altersgruppe.
Männer, mit denen ich Geschäfte mache, Männer aus anderen Kartellen, mit denen wir Kontakte pflegen. Männer, die Freunde und Bekannte meines Vaters sind und die mich jetzt ehren. Männer, die nach meinem Namen rufen. Männer, die von allen Seiten versuchen, mich zu berühren. Sie streichen über meine Hände und Arme, weinen und küssen meinen Ring. Ich laufe weiter, ohne anzuhalten, und werde mit Rosen beworfen.
Denn genau wie in London war ich auch hier in Sizilien beliebt. Ich habe zwar drei Jahre im Ausland studiert, aber meine Pflichten als Kartellführer habe ich nicht vernachlässigt. Ich habe tagsüber für mein Studium gelernt und mich nachts mit den wichtigsten Leuten der Unterwelt über meinen Laptop und Kopfhörer an Meetings beteiligt.
Ich allein habe festgelegt, welche Kartellführer wie viel an welche Länder weiterverkaufen konnten. Ich kümmerte mich um die geschmuggelten Waffen, die sicher an kleine, organisierte Banden über den Ozean geliefert wurden. Ich vertuschte Morde, fälschte Dokumente und verteilte sie an die mächtigsten Männer im Parlament.
Ich koordinierte den ganzen Untergrund und ließ das gesamte Kokain von Kolumbien bis ans andere Ende der Welt liefern. Was meine Mutter nicht wusste, war, dass Gabriel Esposito am Tag ein Engel in der Kathedrale war und betete, aber in der Nacht war er der Teufel höchstpersönlich und schwor auf Rache!
Mit 15 Jahren, als ich Sizilien verlassen sollte und mich von allen verabschiedet hatte, begann nicht nur ein neues Leben für mich, sondern ich wurde zum Kartellführer gekrönt. Mein Onkel Lorenzo reichte mir den Ring und kam zuvor mit meinem Großvater und meinen anderen Onkeln in mein Zimmer. Er erzählte mir die Geschichte der Familie, wie alles begann und wie alles enden würde. Ich hatte einen Onkel namens Mauro, der die Familie verraten hatte und bis heute von uns gesucht wird. Ich erfuhr, dass mein Vater nie geplant hatte, dass ich mich vom Kartell distanziere.
Wer einmal in das Kartell geboren wurde, hatte keine andere Wahl, als dieselben Werte weiterzuverfolgen, die mitgebracht wurden. So wurde ich kurz vor meiner Abreise in einem Wald gebracht.
Denn jeder Esposito im Kartell muss mit 15 Jahren seinen ersten Mord begehen. Mit nur 15 Jahren musst du dem Tod in die Augen sehen, damit du in der Zukunft furchtlos deinem Feind gegenüberstehen kannst. Dir wird nur mit einer Kugel beigebracht, wie du unter der Hülle kalt sein sollst. Eine einzige Kugel, die dich zum gefühllosen Mann der Welt machen wird.
So stand ich da; gegenüber einem beliebigen Kerl und schoss ihm dreimal in den Kopf.
Denn schon mit 15 hatte ich einen enormen Hass in mir entwickelt. Obwohl ich erst fünf Jahre alt war, als mein Vater starb, erinnerte ich mich dennoch an einzelne Bruchstücke, wie er von uns ging. Aber ich konnte die Puzzleteile nie zusammenfügen. Niemand sagte etwas.
Bis ich dann 15 wurde.
So fiel es mir so leicht auf die Leiche unzählige Male zu schießen. Onkel Lorenzo musste mir sogar die Waffe aus der Hand nehmen, da er Angst hatte, dass ich durchdrehen und um mich schießen würde. Sie brachten mich dann zum Flughafen und stellten mir dort alle Leute aus der Unterwelt vor, die mich respektvoll ansahen und sich vor mir auf die Knie warfen, um meinen Ring zu küssen.
Ab da wusste Gabriel Esposito eines...
Er würde jeden einzelnen Amato auslöschen, den er finden würde - auch wenn er dafür ans andere Ende der Welt reisen müsste.
,,Wie viele Amatos sind noch übrig?", frage ich Onkel Lorenzo und laufe mit ihm aus dem Flughafen heraus. ,,Zwei. Einmal Ilva Amato, deren Spur uns nach Neuseeland führte. Die Männer suchen nach ihr." Er antwortet und bewegt sich gemeinsam mit mir auf den Wagen zu, in dem Großvater wartet, dessen Augen voller Hass und Rachsucht stecken. Auch meine anderen beiden Onkel auf dem Rücksitz des Wagens glühen vor Wut. ,,Wer ist der Zweite?", frage ich und zünde mir eine Zigarette an. ,,Nevio Amato, der Sohn von Benito." Mit diesen Informationen blase ich den Rauch aus. Ich halte vor dem Wagen an und drehe mich das letzte Mal in Richtung Flughafen um. Die ganzen Männer kommen heraus und rufen weiterhin nach meinem Namen.
Gabriel Esposito!