Kloud 01
Ihren Namen kannte ich nicht. Ich wusste nur, dass ich sie unbedingt kennenlernen wollte.
Es geschah am Tag meines High School Abschlusses. Sie war einfach da. Tauchte aus dem Nichts auf, als wäre sie all die Jahre zuvor nie da gewesen. Als ich später Mitschüler befragte, sagten sie, dass sie ihnen auch nie aufgefallen war. Wer zum Teufel also war dieses Mysterium? Sie ging mit einem großen Hoodie schnellen Schrittes in Richtung Bühne, um ihr Zeugnis entgegenzunehmen, nur um danach schnellstmöglich dem Rampenlicht wieder zu entgehen. Die gewaltige Kapuze, unter der sie sich zu verbergen versuchte, schien durch ihr bloßes Eigengewicht ihren Kopf Richtung Boden zu drücken, doch das verhinderte nicht, dass ich einen kurzen Blick auf sie erhaschen konnte. Und bei Gott, sie war atemberaubend schön. Eine Stupsnase unter einem elegant geschwungenen Nasenbein, dunkle Augen, in denen man versinken könnte und ein Mund umrahmt von einem zierlichen Gesicht, das allerlei Geheimnisse für sich behielt. Sie lief in meine Richtung. War drauf und dran, an mir vorbei zu stürmen, als ich unvermittelt und ohne eigenes Zutun aufsprang.
“Hey...”, hörte ich mich sagen.
Unsere Blicke trafen sich. Ihre Augen waren weit aufgerissen vor Verwunderung, nein... Schrecken? In diesem Moment wurde der Jahrgangsbeste aufgerufen und ein Scheinwerfer fegte über das Publikum hinweg. Als das Licht ihr Gesicht berührte, schien ihre eigentlich tiefdunkle Iris weiß aufzuleuchten und ich wusste noch viel weniger als zuvor, was ich nur sagen wollte...
“Hallo...”,
Sie zog ihre Stirn kraus und blickte wieder nach vorne, bevor sie so schnell verschwand, wie sie gekommen war.
Ich setzte mich wieder hin. Mein Herz raste wie nicht gescheit und ich spürte, wie mir peinlich berührt die Röte ins Gesicht schoss. Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und betete, dass dieser Moment so schnell wie möglich vorbeigehen möge. Theoretisch war er schon vorbei, aber was ihr in diesem Moment wohl durch den Kopf gehen musste? Das war ja komplett Meschugge! Vielleicht sollte ich meinen Namen ändern und wegziehen... nein. Sie kannte meinen Namen nicht und wegziehen musste ich so oder so, wenn ich auf ein College wollte. Alles, was sie von mir gesehen hatte, war ein flüchtiger Blick auf mein Gesicht, vielleicht würde sie mich nicht erkennen. Ausgeschlossen, so wie sie mich mit ihren großen Augen angesehen hatte, hatte sie sich jedes Detail von mir eingeprägt. Würde vor der Aula ein Zeichner der Polizei stehen, würde sie mich bis auf die letzte Pore beschreiben können und ihre perfekte Auffassungsgabe nutzen, um jede zukünftige Konfrontation mit mir penibel zu meiden. Das war es also gewesen. Meine Chance war dahin. Ich brauchte plastische Chirurgie... wie viel kostete sowas überhaupt? Und selbst wenn, würden meine Kinder, sofern ich denn jemals welche haben wollen würde, mir dann gar nicht mehr ähnlich sehen?
Ja, Herr Wachmann, das ist mein leibliches Kind. Ich weiß, wir sehen uns nicht im Ansatz ähnlich. Ja, hier ist mein Ausweis und die Fahrzeugpapiere. Warum ich so anders aussehe? Nun, ich habe damals einem Mädchen, das ich schön fand und einmal flüchtig begegnet war völlig gedankenlos ‘Hallo!’ zugerufen und sie hat mich nur angestarrt und ist gegangen. Ja. Ja, genau. Ich konnte mich danach nicht mehr öffentlich blicken lassen, bevor ich mein Aussehen nicht komplett verändert hatte, das verstehen Sie sicher. Ja genau, das hätte wohl jeder an meiner Stelle getan. Ob das unser Kind ist? Also... Na ja.. ich habe sie danach ja nie wieder gesehen, also... nein. Ich habe meine Frau achtzehn Jahre, zweihundertsiebzehn Tage, drei Stunden, zweiundzwanzig Minuten und zweiunddreißig Sekunden später geheiratet.
Ich schüttelte den Kopf. Jetzt wurde mein Gedankenkarussell so abwegig, dass ich selbst darüber grinsen musste.