Prolog
Die Luft über Wolfsburg zitterte in der Augusthitze, doch hinter den meterdicken, grauen Natursteinmauern der Burg hielt sich die Kühle wie ein tiefes Ausatmen. Es war kein Schloss für Prinzen und Pomp; es war eine wehrhafte Festung, deren rauer Stein schon Jahrhunderte überdauert hatte.
Vincent spürte die raue Textur der Wand in seinem Rücken, während er im Foyer wartete. Er presste die Handflächen gegen den Stoff seiner Anzughose, um das Zittern seiner Finger zu verbergen. Es war kein Zittern aus Angst – es war die reine Entladung von zehn Jahren Hochspannung.
„Hey.“
Jasper trat einen Schritt näher. Er sah in seinem dunkelblauen Anzug unverschämt gut aus, auch wenn die obersten Knöpfe seines Hemdes schon jetzt so wirkten, als würden sie den kräftigen Nacken des Goalies nur mit Mühe bändigen.
Er griff nach Vincents Hand, verschränkte ihre Finger und drückte fest zu.
„In fünf Minuten gibt es kein Zurück mehr. Dann gehört dein Name mir. Und wenn du ‚Ja‘ sagst, verspreche ich, dass ich beim Ausziehen meiner Torwartausrüstung nie wieder versuche, dich mit meinen verschwitzten Schienen zu jagen. Zumindest nicht an Sonntagen.“
Vincent lachte leise, ein kurzes, befreites Geräusch, das den Kloß in seinem Hals löste.
Er sah Jasper an – die funkelnden Augen, das schiefe Grinsen, das immer eine Spur zu laut und zu ehrlich für die feine Gesellschaft war.
In diesem Moment wurde ihm klar:
Sie unterschrieben hier nicht nur ein Dokument. Sie besiegelten den Sieg über eine Vergangenheit, die sie beide fast zerbrochen hätte.
Die Zeremonie im Trauzimmer war getragen von einer feierlichen Stille, die nur durch das ferne Zwitschern der Vögel im Schlosspark unterbrochen wurde.
Als der Goalie den Füller in die Hand nahm, um als Jasper Ackermann zu unterschreiben, fühlte es sich an, als würde er eine schwere Rüstung ablegen, die er sein ganzes Leben lang getragen hatte.
Er sah zu, wie Vincent unterzeichnete.
Ein schneller, entschlossener Schwung.
Der Name Franken war Geschichte.
Er war nicht mehr der Erbe eines Imperiums; er war der Mann eines Psychologen, der Torhüter einer Arbeiterstadt, ein Ackermann.
Als sich die schweren, beschlagenen Flügeltüren der Burg öffneten und sie ins helle Sonnenlicht traten, traf sie eine Welle aus Lärm und Farbe, die Vincent fast den Atem raubte.
„ACKERMANN! ACKERMANN!“
Sören Lindström, der Goalie aus Hamburg, stand in der ersten Reihe eines Spaliers, das fast den gesamten Schlosshof einnahm. Die Eisbären und ein Teil von Jaspers alter Mannschaft, den Ice-Dragons, waren geschlossen angerückt, jeder in seinem Jersey, die Schläger wie ein steinernes Dach in den strahlend blauen Himmel gereckt.
Aber es war nicht nur die Mannschaft.
Dahinter, auf den weiten Rasenflächen vor der Burg, drängten sich etliche Menschen. Der Fanclub der Eisbären hatte den Platz in ein Fahnenmeer verwandelt. Regenbogenflaggen peitschten im warmen Wind, vermischten sich mit den grün-weißen Bannern des Vereins.
Aus einer gewaltigen Soundanlage dröhnte „Regenbogenfarben“ von Kerstin Ott. Der Bass vibrierte im Pflaster unter ihren Füßen und kroch Vincent die Beine hinauf bis ins Herz.
Reis regnete in dichten Kaskaden auf sie nieder, verfing sich in ihren Haaren und klebte auf der verschwitzten Haut.
Vincent sah Sarah, die hemmungslos weinte und sich an Mike klammerte, der sich mit der freien Hand immer wieder über die Augen wischte und versuchte, wie der starke Kerl auszusehen, der er war.
Heidi Meyer stand daneben, in einem smaragdgrünen Kostüm, das fast so leuchtete wie ihre Augen. Sie wirkte wie eine stolze Löwenmutter, die ihre Jungen endlich in Sicherheit wusste.
Victoria wirkte als einzige wie ein Fels in der Brandung. Sie hielt ein Klemmbrett fest umschlossen, dirigierte die Fotografin mit knappen Befehlen und sorgte dafür, dass niemand dem Brautpaar zu nahe kam, bevor die wichtigsten Momente eingefangen waren.
Doch als Jasper sie im Vorbeigehen kurz am Arm berührte, sah Vincent, wie ihre Maske für einen Moment bröckelte und ein tiefes, ehrliches Lächeln ihr Gesicht erhellte.
Mika rannte völlig aufgekratzt zwischen den Spielern herum, seine kleine grüne Fliege saß schief, und er fuchtelte mit einer kleinen Pride-Fahne.
„Onkel Jazz! Guck mal! Onkel Sören hat Glitzer auf seinem Schläger! Das ist die beste Party der Welt!“
Jasper lachte dröhnend, packte den Jungen und hob ihn auf seine Schultern.
„Das ist erst der Anfang, Kleiner! Heute zeigen wir Wolfsburg, wie bunt Eishockey sein kann!“
Stunden später, nachdem der Champagner die Kehlen gelockert und die erste Aufregung einer tiefen, glücklichen Erschöpfung gewichen war, steuerten sie auf das weiße Käfer-Cabrio zu, das VW für diesen Tag zur Verfügung gestellt hatte.
Es war ein Prachtstück aus den Siebzigern, geschmückt mit einem gewaltigen Bouquet aus bunten Wildblumen.
An der hinteren Stoßstange schepperten leere Blechdosen auf dem Kopfsteinpflaster, jede einzelne von Sarah und Mike mit Glückwünschen beschriftet.
„Steig ein, Bunny“, sagte Jasper und hielt Vincent die Tür auf.
Als sie aus dem Schlossgelände rollten, wurde der Lärm noch einmal lauter. Die Straßen von Alt-Wolfsburg waren gesäumt von Fans. Sie standen auf den Bürgersteigen, schwangen ihre Schals und zündeten blauen und violetten Rauch, der wie ein magischer Nebel über dem Asphalt schwebte.
Es war eine Parade der Anerkennung für zwei Männer, die sich getraut hatten, einfach sie selbst zu sein.
Vincent lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Der Fahrtwind riss an seinen Haaren, und das rhythmische Klappern der Dosen klang für ihn wie die schönste Musik der Welt.
Er spürte, wie der Druck der letzten Jahre – die Angst vor Entdeckung, der Stress der Flucht, der Kampf um Anerkennung – endgültig von ihm abfiel.
„Guck dir die Gesichter an!“, rief Jasper über das Dröhnen des Motors und den Jubel der Menge hinweg.
Er deutete auf die Wiesen des Reitvereins, wo ein paar Männer in tadellosen Reituniformen fassungslos auf das bunte, lärmende Cabrio starrten. Ein Pferd scheute nervös.
„Die glauben wohl, wir ruinieren ihre heilige Ruhe!“
„Wir tun mehr als das, Jasper“, antwortete Vincent und sah seinen Mann an.
„Wir schreiben die Regeln gerade um.“
Jasper lachte, nahm eine Hand vom Lenkrad und legte sie auf Vincents Oberschenkel. Sein Griff war warm und fest.
„Sollen sie nur gucken. Wir bauen uns ein Leben, in dem es nie wieder so leise ist, dass man Angst vor seinen eigenen Gedanken haben muss. Wir bauen ein Zuhause, Vincent. Ein echtes.“
Hinter ihnen verschwand die graue Burg im Rückspiegel, ein Relikt aus einer anderen Zeit.
Vor ihnen lag die Landstraße Richtung Gifhorn, der Duft der Heide und ein Haus, das darauf wartete, mit diesem neuen, lauten Leben gefüllt zu werden.
Während sie in den Sonnenuntergang fuhren, begleitet vom Lärm ihrer eigenen Freiheit, wusste Vincent:
Das hier war kein Ende.
Es war das gewaltigste Opening, das er sich je hätte erträumen können.