✷ · · · Prolog - 001 · · · ✷
Lange bevor Menschen Sterne nach Bildern ordneten. Lange bevor sie ein Wort für den Tod hatten. Lange bevor sie Steine aufeinander schichteten - da sahen sie am östlichen Himmel etwas, das dort nicht hätte sein dürfen. Es kam, machte die Dämmerung für einen Wimpernschlag zum lichten Tag und ging. Sie sahen es dieses eine Mal und nie wieder. Mit Steinen ritzten sie es in die Wand einer Höhle.
Es markierte den Beginn einer friedlicheren Zeit. Die Menschen begannen sich zu entwickeln. Fanden Worte für Ideen. Formten Gedanken zu neuen Bildern, die immer mehr Höhlen schmückten. Lager wurden zu Heimat und überdauerten Menschenalter. Menschen begannen es ein Zuhause zu nennen. Stöcke, die auf Stöcke und Steine schlugen erzeugten Klänge, und Menschen fügten Klänge zu ersten Melodien zusammen. Melodien versammelten Menschen vor warmen Feuern in dunklen Nächten. Die Menschen begannen Worte und Melodien zu verweben und die ersten Lieder erklangen. Bilder an Höhlenwänden wurden von Menschen in anderen Lagern weitererzählt und immer wieder neu gezeichnet.
Jahrtausende formten Wörter und Bilder zu Sprachen. Stöcke, die klangen und versöhnten, wurden Stöcke, die schlugen und verletzten. Mit Tierfellen verzierte Baumstämme, die Gäste eingeladen hatten, wurden zu Pfählen, die Wunden gruben. Menschen erfanden Worte für Macht und Lieder wurden Werkzeuge. Lager, in denen warme Feuer Körper wärmten, wurden zu Festungen, die Völker spalteten. Menschen die einander Trost gaben, nahmen nun einander Leben und Liebe.
In einer kalten Winternacht sah niemand zum westlichen Horizont, als dort ein greller Blitz über den Himmel zuckte und Baumschatten scharf auf weißes Tuch zeichnete. Die Schwärze der folgenden Nächte war zum ersten Mal lichter als jene in den Jahrtausenden davor.
Und es war wieder der Beginn einer friedlicheren Zeit. Die Menschen begannen wieder sich zu entwickeln. Stöcke ließen wieder Klänge ertönen. Menschen zeichneten Bilder auf Pflanzen und schmolzen Erze zu Metallen. Lager wurden zu Dörfern. Bronzene Kessel über großen Feuern luden zu Gemeinschaft und Menschen begannen sich zu Liedern zu bewegen und nannten es Tanz. Menschen formten aus Wörtern und Bewegungen wieder Geschichten der Hoffnung und Liebe. Glänzende Nägel wurden in Hölzer geschlagen. Balken, die nach oben wuchsen, wurden zu Häusern. Häuser wurden Heimat und versprachen Wärme und Gesang und Tanz an kalten Tagen.
Jahrtausende verzerrten Gesänge zu Hymnen und Sprache zu Befehlen. Lieder bewegten Beine, die im Gleichschritt die Erde zittern ließen. Balken, die nach oben wuchsen und Zuhause boten, griffen zu den Seiten und gebaren Qualen. Nägel, die schützende Wände zusammenhielten, zerrissen nun jene, denen Schutz versprochen worden war. Warme Dörfer voller Hoffnung wurden zu Städten voller Niedertracht. Menschen, die einander Gerechtigkeit versprochen hatten, drohten einander nun mit Leid und Tod.
In einem Land, dessen nördliche Küsten an zwei Meere grenzten, sahen Menschen auf Lichtungen in dunklen Wäldern zum südlichen Himmel. Ein heller Schein schnitt durch dunkelste Nacht und löste das Versprechen auf Licht in der Düsternis ein.
Es war ein weiteres Mal der Beginn einer friedlicheren Zeit. Die Menschen begannen ein weiteres Mal sich zu entwickeln. Stöcke wurden zu Tischen. Menschen malten Ideen auf Papier und banden Wissen mit festem Faden zwischen Leder. Menschen schichteten Steine höher als je zuvor und malten Bilder voller Hoffnung auf steinernem Grund. Flammen, die auf Kerzen tanzten, spendeten kranken und bedürftigen Menschen Licht, wenn sie keines mehr sahen. Und der Klang von gegossenem Metall, das auf anderes Metall schlug, versammelte Menschen in Einigkeit.
Jahrhunderte raubten den Flammen den Tanz. Zuckende Flammen, die Hölzer und Seelen fraßen, zuckten an Steinmauern, hinter denen Menschen Willkür walten ließen. Bilder wurden zu Drohungen. Menschen formten fallende Klingen aus rostigem Stahl, die Geist und Leib trennten. Götzengleiche Ideale flüsterten heiser falsche Versprechen zwischen den Zeilen. Menschen schichteten Steine zu hohen Kaminen auf. Wärmende Worte erstickten im Rauch der stählernen Maschinen und brennenden Kohlen. Menschen trieben lange Nägel durch Balken in die Erde, um darauf eiserne Räder rollen zu lassen. Kreuze, die Hoffnung trugen, wichen jenen, die sich in Pein an den Enden krümmten.
In einem anderen Land, dessen Küsten auch an Meere grenzten, zerschnitt greller Schein von stählernen Masten jede Nacht. Menschen blickten nach unten auf seelenloses Licht und lasen Geschichten voller Gier. Hörten Stimmen voller Niedertracht. Und lauschten Liedern, die von Hass erzählten.