Kapitel 1 - LP
Wyatt
Ich renne mit voller Kraft auf den Korb zu. Mir läuft der Schweiß in die Augen, mein Herz pocht gegen die Rippen. Das Quietschen meiner Turnschuhe auf dem polierten Holz hallt durch die Sporthalle, während ich nach links, dann nach rechts ausweiche und Davidson über den Boden stolpern lasse.
Meine Muskeln brennen bei jedem Schritt, aber ich renne noch schneller und schneller.
Der Korb ragt vor mir auf. Ich springe hoch, der Ball ist wie eine Verlängerung meines Arms, und ich schlage ihn mit solcher Wucht durch den Reifen, dass das Brett wackelt.
Für den Bruchteil einer Sekunde ist alles still, während ich in der Luft schwebe. Friedlich. Dann holt mich die Schwerkraft zurück und ich falle auf die Erde. Ich lande auf den Fußballen und bin bereit für mehr.
»Verdammt, Howland!«, dröhnt es aus dem Mund von Coach Harold durch die Halle. »Heb dir das für das Spiel auf!«
Ich ignoriere ihn und drehe mich zurück in die Verteidigungsposition. Meine Augen scannen die Umgebung, verfolgen Bewegungen und berechnen Winkel. Heute fühlt sich alles in mir falsch an – zu angespannt, zu heiß, zu nah an der Oberfläche. Es ist, als würde meine Haut aufplatzen, wenn mich jemand nur falsch ansieht.
Auf der anderen Seite der Halle fängt JJ meinen Blick und zieht eine Augenbraue hoch. Er weiß es. Natürlich weiß er es. Er kann die Wut wahrscheinlich riechen, die in Wellen von mir ausgeht.
Der Ball geht von Miller zu Reeves und dann zurück zu Miller. Ich beobachte ihn, meine Muskeln angespannt, und warte auf den richtigen Moment zuzuschlagen. Als Miller nur einen Bruchteil einer Sekunde zögert, stürze ich mich nach vorne, um den Pass abzufangen. Doch Reeves ist schneller. Sein Ellbogen trifft mich in die Rippen, während er sich den Ball schnappt und in Richtung unseres Korbs rennt.
Etwas in mir zerbricht. In drei Schritten bin ich bei ihm und ramme ihn so hart in die Seite, dass er über den Boden rutscht. Der Ball springt davon – vergessen. Reeves sieht zu mir auf, seine Augen sind vor Schock weit aufgerissen, doch schnell schlägt dieser in Wut um.
»Was zum Teufel, Wyatt?« Er rappelt sich auf, die Fäuste geballt.
Ich trete näher, meine Stimme sinkt zu einem Knurren, das nur er hören kann. »Fass den Ball noch einmal an und du dribbelst mit gebrochenen Fingern.«
Sein Gesicht wird blass. Selbst durch den Schweiß und das Adrenalin kann ich die Angst riechen, die aus seinen Poren sickert.
»Howland!« Der Pfiff des Coaches schrillt durch die Luft. »Auf die Bank! Sofort!«
Ich rühre mich nicht – immer noch in einem Blickduell mit Reeves. Hinter mir spüre ich eher, als dass ich sie sehe, wie JJ und Holden näherkommen, bereit, notfalls einzugreifen.
Coach Harold stürmt in seinem alten North-Hollow-High-T-Shirt herein, sein Gesicht rot vor Wut. »Ich sagte Bank, Howland! Das hier ist nicht die verdammte UFC!«
Ich halte Reeves’ Blick noch drei Sekunden lang fest – gerade lange genug, um ihm zu zeigen, dass ich mich entschieden habe, zu gehen und niemand mich dazu zwingt –, dann drehe ich mich um und gehe mit großen Schritten zur Seitenlinie. Der Coach folgt mir, sein Klemmbrett mit weiß gekniffenen Fingern umklammert.
»Was ist heute los mit dir?« Er senkt die Stimme und wirft einen Blick auf die anderen Spieler, um sicherzugehen, dass sie weiter trainieren. »Ich habe dich noch nie so unfair spielen sehen, nicht einmal gegen Stowe.«
Ich zucke mit den Schultern und wische mir mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. »Ich war nur fokussiert, Coach.«
»Fokussiert ist gut. Körperverletzung ist es nicht.« Er seufzt und schaut auf die Uhr. »Das Training ist jetzt sowieso vorbei für heute. Geh duschen, kühl dich ab und komm morgen mit klarem Kopf zurück. Du bist der Captain, Wyatt. Die Jungs schauen zu dir auf.«
Ich nicke, weil ich mir nicht zutraue, etwas zu sagen, das ich später bereuen würde. Der Coach pfeift das Ende des Trainings und das Team zerstreut sich. Reeves macht einen großen Bogen um mich, als er zum Umkleideraum geht. Nur JJ und Holden bleiben zurück und warten am Wasserspender auf mich.
»Was für eine Show, Captain.« Holden grinst und wirft mir ein Handtuch zu. »Ich glaube, Reeves hat sich in die Hose gemacht.«
Ich fange das Handtuch und wische mir das Gesicht ab. »Er stand mir im Weg.«
»Heute standen wir anscheinend alle im Weg.« JJ lehnt sich mit verschränkten Armen an die Wand. »Du spielst wie einer von Raymonds hirnlosen Football-Schlägern. Nur Kraft, keine Finesse.«
»Pass auf«, warne ich, meine es aber nicht ernst. Nicht bei JJ.
Holden lacht und ich erkenne sofort seinen nervig hartnäckigen Blick. »Im Ernst, was ist los mit dir? In der ersten Übung hast du Davidson fast den Kopf weggefegt und jetzt Reeves? Willst du die gesamte Startaufstellung ausschalten, bevor die Saison überhaupt angefangen hat?«
Ich schnappe mir meine Wasserflasche und trinke sie in langen Schlucken leer. Doch die kalte Flüssigkeit kann die Hitze, die unter meiner Haut brodelt, nicht löschen. »Ich war heute einfach nicht in der Stimmung für ein halbherziges Training.«
JJ kneift die Augen zusammen. »Hat das etwas mit deiner neuen Mitbewohnerin zu tun?«
»Nein.«
»Natürlich nicht.« JJ zieht einen Mundwinkel hoch. »Du bist nur zufällig in der Woche, in der deine neue Schwester einzieht, bereit, Leute umzubringen. Reiner Zufall.«
»Wo wir gerade beim Thema sind«, beginnt Holden, während er wie JJ seine Sporttasche in der Umkleide schultert. »Ist sie eigentlich …«
»Beende diesen Satz nicht«, knurre ich.
»Was?« Holden hebt unschuldig die Hände, während er grinst. »Ich wollte nur fragen, ob sie heiß ist. Eine einfache Frage.«
»Ist sie nicht.« Ich schulter meine Sporttasche und gehe zur Ausgangstür, die direkt zum Parkplatz führt. Ich muss hier raus. »Sie ist nur ein nerdiges, verzogenes Mädchen aus New York.«
JJ und Holden schließen sich mir an, JJ links, Holden rechts. Sie flankieren mich, als würde ich wirklich die Kontrolle verlieren.
»Hast du sie schon kennengelernt?«, fragt JJ.
»Nein.« Ich drücke die Tür auf und blinzele, als mir das späte Nachmittagslicht in die Augen fällt. Die Luft draußen kühlt schnell ab, der Herbst in Vermont hält bereits Einzug. »Aber mein Vater und Evelyn reden ständig von ihr. Seit Wochen geht es nur noch um Romy dies und Romy das.«
»Also musst du doch irgendetwas wissen«, hakt Holden nach. »Erzähl es mir. So unter Freunden.«
Ich seufze, denn ich weiß, dass er nicht lockerlassen wird. »Sie ist siebzehn. Junior, wie wir. Sie wurde aus einer teuren Privatschule in New York rausgeschmissen, weil sie zu oft geschwänzt hat oder so etwas in der Art. Ich weiß es nicht genau. Anscheinend war sie zu beschäftigt mit ihren Online-Aktivitäten oder was auch immer.« Ich mache mit den Fingern Anführungszeichen. »Evelyn und ihr Ex-Mann haben entschieden, dass sie jetzt hier wohnen muss. Das war’s.«
Holdens Daumen bewegen sich schnell über den Bildschirm seines Handys. »Online-Aktivitäten, hm? Was denn, so etwas wie OnlyFans?«
»Sie ist siebzehn, Parker«, wiederholt JJ und rollt mit den Augen. »Zudem dreht sich nicht alles um Sex.«
»Sagt der Typ, der den ganzen Sommer mit seiner Zunge in Sasha Ellwoods Hals verbracht hat.« Holden schaut nicht von seinem Handy auf. »Moment mal – Romy Moore, richtig?«
»Ja«, antworte ich und werfe JJ einen skeptischen Blick zu. »Warum?«
Holden hält sein Handy hoch, auf dem ein Nachrichtenartikel zu sehen ist. Darauf ist ein Foto von einem Mädchen mit dunkelblonden Haaren zu sehen, das ihr in Wellen über die Schultern fällt.
Sie trägt ein schwarzes Band-T-Shirt und ihr Gesicht ist teilweise von einem professionellen Gaming-Headset verdeckt. Aber was meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, sind ihre Augen – blau und eindringlich. Sie blicken direkt in den Bildschirm, als wollten sie ihn umbringen.
»Ist sie das?«, fragt Holden.
»Ich glaube ja.«
Holden pfeift leise und liest aus dem Artikel vor. »Die siebzehnjährige Romy Moore führte ihr Team letzten Monat zum Sieg bei den East Coast Championships, sicherte sich damit ein Preisgeld von 25.000 Dollar und festigte ihren Status als eine der besten Gamerinnen der Wettkampfszene. Moore, die online als QueenRogue bekannt ist, hat über 300.000 Follower auf Streaming-Plattformen, wo sie ihr Können in verschiedenen Battle-Royale- und Strategiespielen unter Beweis stellt.« Er sieht auf und grinst. »Alter – deine neue Schwester ist berühmt.«
»Sie ist nicht meine Schwester«, entgegne ich schroff. »Und sie ist immer noch ein Nerd.«
»Eine heiße Nerdin«, korrigiert Holden und schaut wieder auf das Foto. »Mit 300.000 Followern und 25.000 Dollar Preisgeld. Wenn du kein Interesse hast, kann ich es versuchen? Ich könnte eine Sugar Mama gebrauchen.«
JJ schlägt Holden auf den Hinterkopf. »Du redest von seiner Schwester, Arschloch!«
»Sie ist nicht meine Schwester, verdammt!« Die Worte explodieren aus mir heraus und hallen über den leeren Parkplatz. »Evelyn ist nicht meine Mutter, egal, ob sie die Gefährtin meines Vaters ist oder nicht.«
JJ hält meinem Blick stand, ohne zu zucken. »Also wäre es für dich in Ordnung, wenn Holden sich an sie ranmachen würde?«
»Es ist mir egal, was er macht«, feixe ich. »Und wenn sie sich auf ihn einlässt, ist sie dümmer, als ich dachte.«
»Hast du mich gerade beleidigt?« Holden tut kurz gespielt getroffen, doch dann taucht sein dämliches Grinsen wieder auf.
»Wyatt.« JJ zieht eine Augenbraue hoch. »Sie gehört jetzt zu deiner Familie. Sie ist deine Schwester.«
»Du hast leicht reden. Was ist denn mit dir?« Ich drehe mich zu JJ um. »Nur, weil Claire und dein Vater geheiratet haben, ist Lennon auf einmal deine Schwester? Teilt ihr euch jetzt ein Etagenbett und flechtet euch gegenseitig die Haare?«
JJs Miene verfinstert sich. »Das ist nicht dasselbe.«
»Ist es nicht? Nach deiner Logik …«
»Wir sind jetzt definitiv Geschwister«, unterbricht eine melodiöse, amüsierte Stimme. »Hast du es nicht gehört? Wir haben sogar passende Freundschaftsbänder.«
Lennon Johnson kommt aus Richtung Turnhalle auf uns zu. Ihr rotes Haar leuchtet in der späten Nachmittagssonne, als wäre sie die Miniaturversion des Teufels.
JJ dreht sich nicht zu ihr um, aber ich sehe, wie sich seine Kiefermuskeln anspannen. »Was willst du, Lennon?«
Sie lächelt und schiebt sich absichtlich ganz nah an ihn heran. »Ich wollte nur mal nach meinem Lieblingsbruder sehen. Du hast beim Training so aufgeregt gewirkt.« Ihr Blick huscht zu mir, dann zu Holden. »Nicht nur Wyatt hat heute hart gespielt.«
JJ sagt nichts, was sie nur noch mehr anzufeuern scheint.
»Was ist das?« Sie zeigt auf Holdens Handy, auf dem immer noch Romys Foto zu sehen ist. »Ist das deine neue Flamme, Holden? Bist du nicht sonst an Älteren interessiert?«
»Das«, sagt Holden mit theatralischer Geste, »ist Wyatts neue Schwester. Sie zieht diese Woche ein.«
»Sie ist nicht meine Schwester«, knurre ich, aber Holden ignoriert mich.
»Sie heißt Romy«, fährt er fort und zeigt Lennon den Bildschirm. »Was denkst du? Lohnt es sich, charmant zu sein?«
Lennon betrachtet das Foto und neigt dabei leicht den Kopf. »Sie ist süß«, entscheidet sie. »Ich mag das Band-T-Shirt. Ist sie ein Fan von The Banshees, oder trägt sie das nur, um cool auszusehen?«
»Das habe ich gerade auch gefragt«, lügt Holden eiskalt. »Aber Wyatt sagt, sie sei nur eine verzogene Nerdin aus New York.«
»Macht doch, was ihr wollt«, sage ich, aber meine Stimme klingt rauer als beabsichtigt. »Hauptsache, ihr lasst mich damit in Ruhe.«
»Du solltest aber vorsichtig sein«, fügt JJ hinzu. »Sie ist ein ahnungsloser Mensch.«
Lennon runzelt die Stirn. »Moment mal, sie ist eine Ahnungslose? Obwohl ihre Mutter die Gefährtin deines Vaters ist? Scott hat Evelyn doch sogar schon markiert, oder nicht? Das ergibt ja absolut keinen Sinn.«
Ich deute auf Holden. »Frag Alpha Junior hier. Sein Vater hat den Anruf getätigt.«
Holden zuckt mit den Schultern. »Dad ist in den meisten Dingen ziemlich locker, aber du weißt ja, wie er mit Sicherheit umgeht. Vor allem mit Menschen, die ein Risiko darstellen.«
»Was soll das heißen?«, fragt Lennon. »Was für ein Risiko?«
JJ dreht den Kopf zu ihr und kneift die Augen zusammen. »Warum bist du so verdammt neugierig?«
»Warum bist du immer so mürrisch?«, gibt sie zurück. »Bist du immer noch sauer wegen Sasha?«
JJs Blick verhärtet sich. »Halt die Klappe, Lennon.«
Sie tritt näher an ihn heran, so nah, dass ich sehen kann, wie JJs Nasenflügel vor Wut zucken. »Zwing mich doch, Wolfi.«
»Miststück«, knurrt er zurück.
Lennon lächelt langsam und gefährlich. »Du liebst mich. Gib es doch einfach zu.«
Die Spannung zwischen ihnen ist wie immer so, als würde man sich einer Bombe zusehen, die jeden Moment explodieren könnte.
Ich räuspere mich, damit es nicht wirklich noch explodiert, wie beim letzten Mal, als Lennon JJ so weit provoziert hat, dass dieser sich fast vor den Menschen verwandelt hätte.
»Laut Grayson besteht Fluchtgefahr bei Romy. Sie ist ein Problemkind und könnte sich aus dem Staub machen, sobald sie achtzehn ist oder ihren Abschluss hat. Es hat keinen Sinn, sie in unsere Mitte aufzunehmen, wenn sie dann mit all unseren Geheimnissen davonläuft.«
Lennon sieht verwirrt aus. »Wisst ihr, wie unfair das ist?«
»Frag doch einfach direkt meinen Vater«, erklärt Holden. »Evelyn hat es aber auch schon versucht, und es hat nichts gebracht. Sie war sogar erst letzte Woche abends bei uns, um ein gutes Wort für sie einzulegen. Hat nichts gebracht.«
Lennon wendet sich an mich. »Bist du deswegen so angepisst? Weil du dich jetzt nicht mehr im Garten verwandeln kannst, sondern drei Minuten laufen musst?«
»Nicht dein Problem«, sagt JJ kalt. »Und solltest du nicht beim Cheerleader-Training sein oder so?«
»Ich habe geschwänzt«, sagt sie beiläufig. »Lydia arbeitet heute mit den Neulingen. Langweilig.« Sie tritt noch näher an JJ heran und legt eine Hand auf seinen Arm. »Warum? Machst du dir Sorgen um mich?«
JJ schüttelt ihre Hand ab. »Ich frage mich, warum du immer noch hier bist und uns nervst.«
Holden nickt und schaut ein paar Sekunden zu lange ins Nichts, was mir verrät, dass er irgendetwas plant. »Wann kommt sie überhaupt hier an? Ich möchte einen guten ersten Eindruck hinterlassen.«
»Sie ist wahrscheinlich schon seit einer Stunde hier.«








