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Wenn wir uns wiederfinden

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Zusammenfassung

Monatelang glaubt Matteo, alles verloren zu haben: Elle. Ihr gemeinsames Kind. Und damit den einzigen Teil seines Lebens, der sich jemals wirklich nach Zukunft angefühlt hat. Bis Elle plötzlich wieder vor ihm steht. Lebendig. Hochschwanger. Und an der Seite eines anderen Mannes. Doch während Matteo sich an jede verdammte Kleinigkeit ihrer gemeinsamen Vergangenheit erinnert, fehlen Elle ausgerechnet die Erinnerungen an ihn. An ihre Liebe. An das Leben, das sie miteinander hatten. Zurückgeblieben sind nur einzelne Fragmente – eine Zahnbürste, eine vertraute Berührung, ein Gefühl von Sicherheit – und die Erinnerung an einen Satz, der alles zwischen ihnen zerstört hat. Matteo könnte versuchen, sie zurückzugewinnen. Stattdessen muss er etwas lernen, das ihm noch nie besonders gut gelungen ist: warten. Denn ihr gemeinsamer Sohn darf kein Weg zurück zu Elle sein. Und Elle muss selbst herausfinden, wer Matteo für sie heute ist – unabhängig davon, wen sie früher in ihm gesehen hat. Doch während alte Erinnerungen langsam neue Fragen aufwerfen, beginnt auch Matteos sorgfältig aufgebautes Leben zu bröckeln. Manchmal führt der Weg zurück zueinander nicht in die Vergangenheit. Manchmal muss man sich ein zweites Mal verlieben.

Genre:
Drama
Autor:
Mermi
Status:
vor 4 Stunden
Kapitel:
15
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 - Jetzt nicht mehr







Matteo



Sie ist schwanger.

Der Gedanke ist so schlicht, dass mein Kopf ihn im ersten Moment annimmt wie irgendeine belanglose Information. Wie eine Zahl in einem Bericht. Eine Tatsache, die man registriert, einordnet, mit anderen Tatsachen abgleicht.

Elle steht vor mir.

Elle lebt.

Elle ist schwanger.

Mein Blick bleibt an ihrem Bauch hängen.

Nicht dezent. Nicht höflich. Nicht einmal ansatzweise so beherrscht, wie ich mich normalerweise durch Räume bewege, in denen jeder zweite Mensch darauf wartet, dass jemand etwas tut, das sich morgen zitieren lässt.

Ich starre.

Ihr Kleid spannt sich deutlich über die Rundung ihres Bauches. Keine Schwangerschaft, die man übersehen könnte. Keine, bei der ich mich fragen müsste, ob mein Verstand mir gerade einen besonders grausamen Streich spielt.

Hochschwanger.

Mein Körper reagiert schneller als mein Kopf. Mein Herz schlägt einmal so hart gegen meine Rippen, dass es beinahe wehtut. Danach noch einmal. Und noch einmal.

Ich rechne.

Natürlich rechne ich.

Weil Zahlen einfacher sind als alles andere.

Weil Zahlen mich nicht anlügen.

Weil Monate sich nicht aus Mitleid verschieben.

Ich sehe sie an, sehe wieder ihren Bauch und brauche keine zehn Sekunden dafür.

Das Kind lebt.

Unser Kind lebt.

Etwas in mir bricht auf eine Weise auf, für die ich keinen Namen habe.

Monatelang habe ich geglaubt, es sei tot.

Nicht verloren wie ein Gegenstand.

Nicht weg.

Tot.

Das Wort hat sich so tief in mich gefressen, dass ich irgendwann aufgehört habe, es überhaupt noch auszusprechen. Es war einfach da. Morgens beim Aufstehen. In Meetings. Im Auto. Im Training. Nachts, wenn ich lange genug wach lag, bis selbst Alkohol keine brauchbare Abkürzung mehr war.

Ein Kind, das nie geboren werden würde.

Ein Leben, das ich nur für ein paar Wochen gekannt hatte und um das ich trotzdem getrauert habe, als hätte jemand mir einen Teil meines Körpers herausgeschnitten.

Und jetzt steht Elle vor mir.

Mit diesem Kind.

Lebendig.

So lebendig, dass es nicht einmal mehr irgendeine theoretische Zukunft ist. Ihr Bauch ist groß genug, dass mir mit brutaler Klarheit bewusst wird, wie viel Zeit vergangen ist.

Wie viel ich verpasst habe.

Meine Augen wandern zu ihrem Gesicht.

Sie sieht anders aus.

Nicht nur wegen der Schwangerschaft.

Nicht so, dass ich sofort sagen könnte, was es ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich sie seit Monaten nur in Erinnerungen gesehen habe. In Bildern, die immer dieselben geblieben sind, egal wie oft ich sie gegen meinen Willen durchgegangen bin. Elle in meiner Küche. Elle auf meiner Couch. Elle mit diesem Blick, kurz bevor sie etwas sagt, von dem sie genau weiß, dass es mich nerven wird. Elle wütend. Elle lachend.

Elle, wie sie mich ansieht, als wäre ich jemand, den sie kennt.

Dieser Blick fehlt jetzt.

Das trifft beinahe schlimmer als alles andere.

Ihre Augen ruhen auf mir, aufmerksam, angespannt – und mit einer Distanz, die ich nicht einordnen kann.

Dann sehe ich den Mann neben ihr.

Vincent.

Ich kenne seinen Namen.

Mehr nicht.

Mehr muss ich gerade auch nicht wissen, um zu verstehen, was ich sehe.

Er steht dicht genug bei ihr, dass es selbstverständlich wirkt. Nicht demonstrativ. Kein Arm, den er um sie legt, weil irgendein anderer Mann vor ihr steht und er Besitz markieren müsste. Keine lächerliche Geste.

Er ist einfach da.

Bei ihr.

Als gehöre er in diesen Abstand.

Als wäre das sein Platz.

Mein Kiefer spannt sich an.

Das ist keine besonders faire Reaktion auf einen Mann, der mir nichts getan hat, aber Fairness ist gerade ohnehin eines der Dinge, die irgendwo hinter meinem Brustbein unter sehr viel anderem Geröll liegen.

Ich zwinge meinen Blick zurück zu Elle.

„Wie…“

Meine Stimme versagt nicht.

Immerhin.

Sie klingt nur rauer, als sie sollte.

Ich räuspere mich nicht. Das würde bedeuten, dass ich so tue, als ließe sich diese Situation mit einer kleinen körperlichen Korrektur beheben.

„Wie weit bist du?“

Ihre Hand legt sich fast unbewusst auf ihren Bauch.

Die Bewegung trifft mich.

Ich kenne diese Bewegung.

Oder bilde mir zumindest ein, sie zu kennen.

Früher war ihr Bauch noch nicht sichtbar gewesen, als ich begonnen hatte, ständig hinzusehen. Als wäre dort bereits irgendetwas zu erkennen. Als könnte ich allein durch genug Aufmerksamkeit verhindern, dass etwas passiert.

Ich schlucke.

Elle sieht kurz zu Vincent.

Nicht hilfesuchend.

Nur kurz.

Das reicht.

Natürlich reicht es.

„Matteo.“

Mein Name aus ihrem Mund.

Ich habe nicht gewusst, dass ein einzelnes Wort so viel gleichzeitig auslösen kann.

Erleichterung.

Wut.

Sehnsucht.

Und einen absurden, beinahe körperlichen Drang, zwei Schritte auf sie zuzugehen und sicherzustellen, dass sie wirklich vor mir steht.

Ich bleibe stehen.

„Ist das—“

Ich stoppe.

Mein Kind.

Das wollte ich fragen.

Ist das mein Kind?

Nicht, weil ich ernsthaft an der Rechnung zweifle.

Sondern weil ich es hören will.

Von ihr.

Jetzt.

Sofort.

Ich will, dass sie mir sagt, dass ich mich nicht verrechnet habe. Dass das da tatsächlich das Kind ist, von dem ich geglaubt habe, es nie kennenlernen zu dürfen.

Mein Sohn oder meine Tochter.

Mein.

Das Wort steht so schnell in meinem Kopf, dass mir beinahe übel wird.

Mein.

Genau das ist das Problem.

Ich sehe Elles Gesicht.

Die Spannung um ihren Mund.

Ihre Schultern.

Den Raum um uns herum, den ich bis eben vollkommen ausgeblendet habe.

Menschen.

Gläser.

Gespräche, die an anderen Stellen weiterlaufen und hier bereits leiser geworden sind.

Blicke.

Natürlich Blicke.

Eine Veranstaltung wie diese funktioniert nach demselben Prinzip wie ein Aquarium. Jeder tut, als würde er sich nur für sein eigenes Glas interessieren, während gleichzeitig jeder durch jede verdammte Scheibe schaut.

Und hinter mir steht meine Frau.

Meine Frau.

Allein der Gedanke daran ist so grotesk, dass ich fast lachen könnte.

Nur wäre es kein gutes Lachen.

Ich senke für einen Moment den Blick.

Der Ring an meiner Hand fängt das Licht ein.

Scheiße.

Ich habe nicht darüber nachgedacht, bis ich Elles Augen vorhin genau dort gesehen habe.

Jetzt verstehe ich ihren Blick besser.

Zumindest diesen Teil davon.

Sie sieht mich nach Monaten wieder.

Mit Helena.

Mit einem Ehering.

Und ich stehe hier und will innerhalb von dreißig Sekunden Antworten über ein Kind verlangen.

Ich atme einmal langsam durch die Nase ein.

„Das kann nicht dein Ernst sein.“

Helenas Stimme kommt leise von der Seite.

Ich drehe den Kopf nicht.

„Nicht jetzt.“

„Matteo.“

„Nicht.“

Diesmal reicht das offenbar.

Für zwei Sekunden.

Elle beobachtet mich.

Ich weiß nicht, was sie in meinem Gesicht sieht. Vermutlich weniger, als tatsächlich da ist. Ich bin gut darin geworden, Dinge nicht zu zeigen.

Sehr gut.

Vielleicht zu gut.

„Ich muss mit dir reden“, sage ich zu Elle.

Sie hebt das Kinn ein wenig.

Die Geste kenne ich.

So sehr, dass mein Körper sie beinahe vor meinem Kopf erkennt.

Widerspruch.

Oder Vorbereitung darauf.

„Nicht hier.“

Ich öffne den Mund.

Schließe ihn wieder.

Mein erster Impuls ist sofort da.

Dann wo?

Wann?

Gib mir deine Nummer.

Deine Adresse.

Irgendetwas.

Ich könnte ihre Daten heute Abend haben.

Wahrscheinlich innerhalb einer Stunde.

Ich kenne genügend Menschen, die Menschen kennen. Gästelisten. Anmeldedaten. Fahrer. Anwälte. Assistenten. Es wäre lächerlich einfach.

Der Gedanke kommt automatisch.

Und direkt dahinter kommt ein anderer.

Nein.

Etwas zieht sich in mir zusammen.

Ich habe schon einmal geglaubt, besser zu wissen, was für Elle richtig ist.

Ich habe schon einmal Dinge entschieden, bevor sie überhaupt die Chance hatte, selbst zu wählen.

Damals hatte ich dafür gute Gründe.

Zumindest habe ich mir das lange eingeredet.

Gute Gründe machen eine Grenzüberschreitung nicht zu etwas anderem.

Ich sehe sie an.

„Okay.“

Elle blinzelt.

Nur einmal.

Es ist eine kleine Reaktion, aber ich sehe sie trotzdem.

„Okay?“

Unter anderen Umständen hätte mich der Ton beinahe amüsiert.

Fast beleidigt, weil ich nicht widerspreche.

„Du hast gesagt, nicht hier.“

„Ja.“

„Dann nicht hier.“

Etwas verändert sich in ihrem Gesicht.

Nicht viel.

Vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet.

Vincent sagt weiterhin nichts.

Ich registriere das widerwillig.

Er drängt sich nicht dazwischen. Er fordert mich nicht auf, Abstand zu halten. Er legt Elle nicht demonstrativ eine Hand auf den Rücken.

Ich würde ihn sehr viel lieber nicht respektieren müssen.

Das wäre einfacher.

Stattdessen steht er einfach da und lässt Elle selbst sprechen.

Der Gedanke ist unangenehm genug, dass ich ihn direkt wieder verwerfe.

Mein Blick fällt erneut auf ihren Bauch.

Scheiße.

Ich habe einen Sohn oder eine Tochter.

Irgendwo in diesem einen Satz liegt etwas so Großes, dass mein Kopf es weiterhin nicht vollständig verarbeitet.

Ich will fragen, ob es dem Baby gut geht.

Ob alles in Ordnung ist.

Ob es gesund ist.

Ob sie Probleme hatte.

Ob sie Schmerzen hat.

Ob sie jemanden hat, der nachts aufsteht, wenn sie nicht schlafen kann.

Ob sie noch Ingwer hasst.

Ob—

Nein.

Ich weiß nicht einmal, was ich fragen darf.

Das ist neu.

Früher habe ich bei Elle nicht darüber nachgedacht, ob ich fragen darf.

Ich habe gefragt.

Und sie hat mir gesagt, wenn ich mich verpissen soll.

Manchmal sehr ausführlich.

Die Erinnerung kommt so unerwartet, dass meine Brust noch enger wird.

„Geht es euch gut?“

Ich hasse die Frage sofort.

Sie ist zu klein.

Viel zu klein für das, was ich wissen will.

Elle schaut mich lange an.

Dann nickt sie.

„Ja.“

Ein Wort.

Es sollte nicht genug sein.

Es ist alles, was sie mir gerade gibt.

Also nehme ich es.

„Gut.“

Meine Stimme klingt beinahe normal.

Beeindruckend.

Vielleicht kann ich direkt zurück in irgendeinen Konferenzraum gehen und einen Jahresabschluss präsentieren.

Elle verschiebt ihr Gewicht ein wenig.

Vincent reagiert sofort. Nur eine minimale Bewegung seines Arms, als wäre er bereit, sie zu stützen, ohne sie einfach anzufassen.

Ich sehe es.

Natürlich sehe ich es.

Und ich hasse, dass ich sehe, wie selbstverständlich es ist.

„Wir sollten fahren“, sagt er ruhig zu ihr.

Nicht zu mir.

Zu ihr.

Elle nickt.

Panik ist ein hässliches Wort.

Ich benutze es nicht gern für mich.

Aber genau das schiebt sich jetzt kalt unter meine Rippen.

Sie geht.

Wieder.

Nicht so wie damals.

Sie steht direkt vor mir. Ich könnte sie aufhalten. Ich könnte eine Frage stellen, die sie zwingt, noch eine Minute zu bleiben. Ich könnte sagen, dass ich ein Recht habe—

Nein.

Habe ich nicht.

Nicht hier.

Vielleicht gar nicht.

Der Gedanke tut weh.

Mehr als er sollte.

„Elle.“

Sie sieht mich an.

Ich brauche einen Moment, bis ich weiß, was ich überhaupt sagen will.

So viele Sätze stehen mir zur Verfügung, und fast jeder davon wäre falsch.

Warum hast du mir nichts gesagt?

Ist es meines?

Warum bist du mit ihm zusammen?

Warum hast du mich glauben lassen, unser Kind sei tot?

Liebst du ihn?

Erinnerst du dich an mich?

Warum sehe ich dich erst jetzt?

Ich könnte sie mit all dem überschütten.

Ich könnte sie zwingen, meine Monate mit ihren Monaten zu verrechnen.

Stattdessen sage ich nur: „Ich werde dich nicht hier festhalten.“

Ihre Augen bleiben auf meinen.

„Danke.“

Danke.

Das Wort schneidet auf eine völlig andere Art.

Weil es bedeutet, dass sie zumindest damit gerechnet hat, ich könnte es tun.

Vincent legt jetzt eine Hand leicht an ihren Rücken, als sie sich dreht.

Ich spüre sofort, wie sich meine Finger schließen.

Nicht zu einer Faust.

Noch nicht einmal annähernd.

Nur fester.

Eine körperliche Reaktion auf etwas, worauf mein Körper keinerlei Anspruch hat.

Elle geht ein paar Schritte.

Ich schaue ihr nach.

Natürlich tue ich das.

Ihr Gang ist vorsichtiger, langsamer als früher. Die Schwangerschaft verändert jede Bewegung. Vincent passt sein Tempo an, ohne dass es auffällt.

Sie wirkt—

Nein.

Ich werde jetzt nicht anfangen, ihr Leben aus zwanzig Sekunden Laufweg zu analysieren.

Sie hat einen Partner.

Das weiß ich.

Mehr nicht.

Ich zwinge mich, stehen zu bleiben.

Jeder Muskel in meinem Körper will etwas anderes.

Hinterhergehen.

Fragen.

Eine Antwort erzwingen.

Irgendetwas tun.

Monatelang habe ich nichts tun können.

Das war das Schlimmste.

Keine Entscheidung. Keine Möglichkeit. Kein Weg zurück. Nur die Gewissheit, dass zwei Menschen, die noch da hätten sein sollen, nicht mehr da waren.

Jetzt sind sie da.

Zumindest Elle.

Und das Kind.

Mein—

Ich breche den Gedanken ab.

Nicht, weil er falsch ist.

Sondern weil ich nicht wieder anfangen will, aus einer biologischen Tatsache ein Recht auf jede weitere Entscheidung abzuleiten.

Es ist erschreckend, wie schnell alte Reflexe zurückkommen.

Vielleicht waren sie nie weg.

Vielleicht hatte ich nur monatelang niemanden mehr, bei dem sie eine Rolle gespielt hätten.

„Bist du jetzt fertig?“

Helena.

Ich schließe kurz die Augen.

Als ich mich zu ihr umdrehe, steht sie ungefähr einen Meter hinter mir. Perfekt. Natürlich perfekt. Haare, Kleid, Haltung. Alles an ihr sieht so aus, als hätte die Szene gerade einen kleinen Schönheitsfehler produziert, den man mit genug Disziplin wieder aus dem Bild bekommt.

Sie macht einen Schritt auf mich zu.

„Wir sollten zurück zu den anderen.“

Ihre Hand legt sich an meinen Unterarm.

Ich sehe hinunter.

Früher hätte ich sie einfach entfernt.

In den letzten Monaten habe ich meistens gar nichts mehr getan. Habe Berührungen ausgehalten wie Musik in einem Aufzug. Lästig, aber nicht wichtig genug, um darauf zu reagieren.

Jetzt ist es wichtig.

Vielleicht weil ich gerade gesehen habe, wie Vincent Elle berührt.

Vielleicht weil ich gemerkt habe, wie unterschiedlich sich etwas anfühlen kann, wenn jemand freiwillig Nähe zulässt.

Vielleicht habe ich auch einfach keine Kraft mehr für die verdammte Inszenierung.

Ich löse Helenas Finger von meinem Arm.

Nicht grob.

Einen nach dem anderen.

„Lass das.“

Ihre Miene verändert sich.

„Bitte mach jetzt keine Szene.“

Ich schaue sie an.

Das wäre fast komisch, wenn ich irgendwo in mir noch den passenden Humor dafür finden würde.

„Ich mache keine.“

„Du hast gerade vor allen Leuten—“

„Ich habe mit Elle gesprochen.“

„Ja.“ Ihre Stimme wird leiser. „Das habe ich gesehen.“

Ich sehe in Richtung Ausgang.

Elle ist nicht mehr da.

Das hinterlässt ein viel zu konkretes Gefühl von Leere.

„Matteo.“

Helena stellt sich ein Stück mehr in mein Blickfeld.

„Du kannst ihr nicht einfach hinterherlaufen, nur weil sie plötzlich wieder auftaucht.“

Ich sehe sie an.

„Ich bin ihr nicht hinterhergelaufen.“

„Noch nicht.“

Die zwei Worte landen irgendwo in mir, wo momentan ohnehin zu viel liegt.

„Was willst du von mir hören?“

„Vielleicht, dass du dich daran erinnerst, dass du verheiratet bist.“

Mein Blick fällt wieder auf meine Hand.

Auf den Ring.

Ein Stück Metall, das deutlich mehr Wahrheit behauptet, als zwischen Helena und mir jemals existiert hat.

„Ich habe es nicht vergessen.“

„Dann benimm dich auch so.“

Da ist er.

Dieser Ton.

Früher hätte ich darüber diskutiert. Hätte erklärt. Hätte versucht, irgendeine Form von Frieden aufrechtzuerhalten, weil es einfacher war als eine weitere Auseinandersetzung.

Heute nicht.

„Fass mich nicht an.“

Sie erstarrt.

„Was?“

„Du hast mich verstanden.“

„Ich habe dich gerade nur am Arm—“

„Und ich will es nicht.“

Mein Ton bleibt ruhig.

Das ist meistens schlimmer.

Helena sieht mich für einen Moment an, als würde sie prüfen, ob ich das ernst meine.

Dann senkt sie die Stimme.

„Wegen ihr?“

Ich lache einmal.

Kurz.

Kalt.

Es klingt selbst in meinen Ohren nicht besonders angenehm.

„Nein.“

Das ist sogar wahr.

Elle hat damit nichts zu tun.

Nicht direkt.

Das hier zwischen Helena und mir war schon lange tot, bevor Elle durch diese Tür gegangen ist.

Ich habe es nur lange genug toleriert, um so zu tun, als wäre tot dasselbe wie ruhig.

Ist es nicht.

„Du solltest zurückgehen“, sage ich.

„Und du?“

Ich sehe wieder zum Ausgang.

„Ich brauche Luft.“

„Matteo.“

Ich gehe.

Keine besonders elegante Lösung.

Aber vermutlich die einzige, bei der ich in den nächsten fünf Minuten niemandem etwas sage, das morgen tatsächlich in irgendeiner Zeitung steht.

Draußen ist es kälter, als ich erwartet habe.

Die Luft trifft mein Gesicht, und zum ersten Mal an diesem Abend merke ich, wie warm es drinnen gewesen ist.

Ich bleibe oben an den Stufen stehen.

Autos fahren vor.

Menschen steigen ein, Türen werden geöffnet, geschlossen, Fahrer nicken, Lichter bewegen sich über den Asphalt.

Ich sehe Elles Wagen nicht mehr.

Natürlich nicht.

Sie ist weg.

Wieder dieser Satz.

Diesmal fühlt er sich anders an.

Weil ich weiß, dass sie irgendwo ist.

Nicht in einer Erinnerung.

Nicht in einem Grab, das nie existiert hat und das ich trotzdem monatelang im Kopf mit mir herumgetragen habe.

Irgendwo.

Lebendig.

Mit unserem Kind.

Ich lehne mich mit einer Hand gegen das kalte Geländer.

Meine Finger zittern.

Nur leicht.

Ich starre sie an, bis sie wieder ruhig sind.

Dann rechne ich noch einmal.

Monate.

Wochen.

Der Bauch.

Die Zeit.

Es passt.

Natürlich passt es.

Unser Kind lebt.

Ich presse die Lippen aufeinander.

Es ist erstaunlich, dass dieser Gedanke gleichzeitig der beste und der schlimmste meines Lebens sein kann.

Denn wenn das Kind lebt, dann bedeutet das auch, dass ich Monate verloren habe.

Dass Elle diese Monate ohne mich hatte.

Dass ein anderer Mann neben ihr steht.

Dass sie mich ansieht, als lägen Welten zwischen uns.

Und dass ich keine Ahnung habe, was davon noch zu reparieren ist.

Vor einer Stunde hätte ich auf die Frage, was ich mit meinem Leben anfangen will, keine vernünftige Antwort gehabt.

Arbeiten.

Trainieren.

Irgendwann schlafen.

Wieder aufstehen.

Dasselbe noch einmal.

Nicht besonders originell, aber effektiv.

Es war mir egal.

Nicht auf die dramatische Art.

Ich hatte nicht vor, irgendwo von einer Brücke zu springen oder mein Auto gegen eine Wand zu setzen.

Ich war einfach irgendwann an dem Punkt angekommen, an dem morgen nichts mehr enthielt, das heute dringend schützenswert machte.

Das war erstaunlich bequem.

Man funktioniert besser, wenn einem das Ergebnis egal ist.

Ich sehe hinaus auf die Straße.

Irgendwo dort draußen sitzt Elle in einem Auto.

Hochschwanger.

Mit meinem Kind.

Und plötzlich ist da wieder etwas, das sich gegen diese Gleichgültigkeit stemmt.

Hart.

Unbequem.

Lebendig.

Ich weiß nicht, ob Elle mich noch in ihrem Leben haben will.

Ich weiß nicht, ob ich unser Kind halten darf.

Ich weiß nicht einmal, wann es geboren wird.

Ich weiß nur eines.

Zum ersten Mal seit Monaten ist mir nicht mehr egal, was morgen passiert.

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