Kapitel 1 - Weihnachten im Weißen Haus
Der Schnee lag wie eine helle Decke über Washington. Rund um das Weiße Haus hatte sich eine dünne Schicht gebildet, die das warme Licht der Weihnachtsbeleuchtung widerspiegelte. Hinter den Fenstern herrschte eine Atmosphäre, die nur wenig mit dem Alltag des Präsidenten zu tun hatte. Für diesen Abend waren politische Gespräche und Staatsgeschäfte in den Hintergrund getreten. Das Weiße Haus gehörte der Familie.
Zahlreiche nationale und internationale Gäste waren der Einladung von Präsident John Richardson gefolgt. Überall wurde gelacht und angeregt miteinander gesprochen, während im Hintergrund leise Weihnachtsmusik erklang. John bewegte sich mit seiner Frau Mila durch die Gesellschaft und begrüßte jeden Gast persönlich. Immer wieder blieb er stehen, wechselte ein paar Worte und nahm sich die Zeit, die Menschen für einige Stunden vergessen zu lassen, dass sie sich im Zentrum amerikanischer Macht befanden.
Für den Secret Service war Weihnachten allerdings nicht gleichbedeutend mit Feierabend. Joel Shepard nahm seinen Dienst genauso ernst wie an jedem anderen Abend. Er bewegte sich ruhig durch die Räume und ließ den Blick aufmerksam über die Gesellschaft gleiten. Niemand, der ihn nicht kannte, hätte bemerkt, wie viel er dabei wahrnahm. Für die Gäste war er einfach einer der Männer im Hintergrund. Für John Richardson war er jemand, dem er sein Leben und das seiner Familie anvertraute.
Während eines seiner Rundgänge kam Joel an dem Raum vorbei, in dem die Kinder ihre Geschenke auspackten. Er blieb einen Augenblick stehen. Tony hatte gerade eine große Schachtel geöffnet. Als er erkannte, was darin lag, entfuhr ihm ein ungläubiges Lachen.
„Eine neue PlayStation?“
John lächelte. „Du hast doch gesagt, deine alte sei hoffnungslos veraltet.“
Tony sah noch einmal in die Schachtel und schüttelte den Kopf. „Das ist echt cool.“
„Frohe Weihnachten“, sagte Mila.
„Danke.“
Joel blieb einen Moment an der Tür stehen. „Na, da hat sich das Warten ja gelohnt.“
Tony grinste zu ihm hinüber. „Allerdings.“
Dann wandte er sich wieder seinem Geschenk zu, während Joel seinen Rundgang fortsetzte.
Lilly hatte inzwischen eine längliche Schachtel geöffnet. Ihre Augen leuchteten vor Aufregung. „Mom.“
Mila beugte sich zu ihr. „Was ist denn?“
Lilly nahm vorsichtig das Instrument aus der Verpackung. Eine Geige. Sie hielt sie mit beiden Händen und sah ihren Vater an. „Daddy?“
John wandte sich ihr zu. „Ja, mein Schatz?“
„Darf ich darauf spielen?“
Er wusste sofort, was sie meinte. „Natürlich.“
Lilly strahlte. „Jetzt?“
„Wenn du möchtest.“
Sie setzte sich aufrecht hin und nahm die Geige an ihre Schulter. Eine Mitarbeiterin brachte ihr noch den Bogen, und für einen kurzen Moment wurde es ruhiger im Raum. Joel war inzwischen wieder an seinen Platz am Rand zurückgekehrt. Er kannte Lilly gut genug, um zu wissen, wie wichtig dieser Augenblick für sie war.
Die ersten Töne waren noch vorsichtig, dann fand sie ihren Rhythmus. „Stille Nacht.“
Ein Lied, das keiner Erklärung bedurfte.
Nach wenigen Takten war im Raum kaum noch ein Gespräch zu hören. Die Gäste wandten sich Lilly zu. John legte einen Arm um Mila, und Tony saß ungewöhnlich still neben ihnen. Lilly spielte weiter, während ihre Melodie durch den festlich geschmückten Raum schwebte. Nach und nach begannen die ersten Gäste leise mitzusingen. Eine zweite Stimme kam hinzu, dann eine weitere, bis schließlich fast der ganze Raum in das Lied einstimmte.
Joel stand noch immer am Rand. Er hatte die Hände locker vor dem Körper verschränkt und beobachtete die Szene. Sein Blick wanderte kurz zu John und Mila, dann zu Tony und schließlich zurück zu Lilly.
Auch er kannte das Lied.
Joel konnte gut singen, sehr gut sogar. Er tat es nur nicht gern, wenn andere Menschen ihm dabei zuhörten. Es war etwas Persönliches, das er gewöhnlich für sich behielt. Doch an diesem Abend fühlte es sich anders an. Ganz leise stimmte er ein. Seine Stimme fügte sich mühelos in den Gesang der anderen ein. Er sang nicht laut und suchte auch keine Aufmerksamkeit. Es war einfach ein Teil dieses Augenblicks.
Mila bemerkte ihn und lächelte kurz, sagte aber nichts. Joel erwiderte das Lächeln und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Lilly. Sie spielte die letzten Takte mit großer Konzentration. Als der letzte Ton verklang, herrschte für einen kurzen Moment Stille, dann setzte Applaus ein.
Lilly strahlte. John ging zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Das war wunderschön.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Tony nickte anerkennend. „War gut.“
Lilly sah ihn an. „Nur gut?“
„Sehr gut.“
„Na also.“
Alle lachten. Lilly sah schließlich zu Joel hinüber. Ihr Blick blieb an ihm hängen.
„Du hast mitgesungen.“
Joel hob unschuldig die Hände. „Hab ich?“
„Ja.“
„Dann hast du dich wohl verhört.“
„Nein.“
Tony grinste. „Sie hat recht.“
Joel sah ihn an. „Du hältst dich da raus.“
„Warum? Du singst doch gut.“
Joel schüttelte lächelnd den Kopf. „Das bleibt bitte unter uns.“
Lilly grinste. „Warum?“
Joel beugte sich ein wenig zu ihr und flüsterte verschwörerisch: „Weil ich dich umbringen müsste, wenn du mein Geheimnis verrätst, und dann müsste ich mich umbringen, weil ich dich doch beschützen muss.“
Lilly kicherte. „Ich werde es niemandem erzählen.“
„Danke.“
Sie hielt ihm die Hand hin. „Versprochen.“
Joel schlug ein. „Abgemacht.“
Dann wandte er sich wieder dem Raum zu. Sein Gesicht nahm den ruhigen Ausdruck an, den seine Kollegen kannten. Für einen Moment hatte er vergessen, dass er im Dienst war. Jetzt war er wieder der Mann, der darauf achtete, dass niemand diese friedliche Nacht störte.
Draußen fiel weiterhin Schnee. Im Inneren lachten die Menschen, und für diesen Abend schien die Welt genau so zu sein, wie sie an Weihnachten sein sollte.








